Neuseelandsplitter – kleine Geschichten von einer grossen Reise

Unser Neuseeland Abenteuer war voller kleiner Geschichten – hier eine kleine Auswahl.

Haka zur Begrüßung

Als begeisterungsfähige Touristen wollten wir natürlich einen Haka sehen – den Ritualtanz der Maori. Mit dem Haka werden potentielle Gegner eindrucksvoll eingeschüchtert und Gäste willkommen geheißen. Die Grenzen zwischen beiden Gruppen können ja durchaus fließend sein. Die dramatische Kombination aus martialischem Stampfen und rituellem Klatschen auf Beine und Arme lässt auch kaum jemanden unbeeindruckt. Die traditionellen Gesichts Tätowierungen der Maori in Verbindung mit rollenden Augen und herausgestreckter Zunge werden begleitet von einem rhythmischen Sprechgesang.

Ganz schön wilde Sache. Ich hatte den Tipp bekommen, die Vorführungen im ehemaligen Kriegs Museum in Auckland seien sehr authentisch. Als Reisender ist man ja immer irgendwie auf der Jagd nach dem unverfälschten Erlebnis. Aber wie authentisch ist – nur so zum Vergleich – der original bayerische Schuhplattler des lokalen Trachtenvereins? Ich würde sagen, es kommt darauf an, wie sehr man im Thema steckt. Der Vormittag im Museum war auf jeden Fall sehr eindrucksvoll und ich konnte mir lebhaft vorstellen warum es Captain Cooks Männer einst in Neuseeland regelmäßig mit der Angst bekamen. Auch wenn die Tätowierungen im Gesicht heute meist nur noch kurzfristig mit dem Filzstift appliziert werden.

Wir haben jedenfalls eine Menge gelernt an jenem Morgen. Tim (seinen Maorinamen hat mein mittel-europäisches Spatzenhirn leider komplett verdrängt), hat uns mit vielen bunten und drastischen Geschichten die Maorikultur ein kleines bisschen näher gebracht .

Gesichtstatoo – Tā moko:

Bevor die Europäer nach Neuseeland kamen, trugen praktisch alle hochrangigen Māori Moko. Das Moko ist eine Art Code, der Herkunft und Rang des Trägers anzeigt. Männer trugen Moko vor allem im Gesicht, auf Oberschenkeln und Gesäß, manchmal auch auf Rücken und Waden. Frauen trugen Moko auf den Lippen und am Kinn manchmal auf der Stirn seltener auf dem Rücken und den Schenkeln.

Hat was. Die traditionelle Prozedur ist ziemlich schwerzhaft und foredert den ganzen Mann und die ganze Frau.

Die Waffen: Maori Krieger waren Experten in Überraschungsangriffen. So schnell und unerwartet sie zu schlugen, so schnell verschwanden sie geräuschlos im dichten Regenwald Neuseelands. Angegriffen wurde bevorzugt im Morgengrauen um möglichst alle Gegner zu töten. Die Maori Krieger wollten so der der Rache des Gegners entgehen. Die Waffen sind Kunstwerke und töteten lautlos.

Die Bauweise – Versammlungs Halle Marae

„Durch die einzige Tür der großen Versammlungshalle gehen die Lebenden – durch das einzige Fenster werden nur die Toten hinausgereicht!“ Die Vorratsspeicher auf Säulen (wegen der Schädlinge) hatten nur ganz kleine Türen für Kinder (wegen der Diebstahlgefahr durch Erwachsene). Die Krieger-Kanus haben locker 80 oder 100 Mann transportiert. Und wo genau im Pazifik das sagenhafte Hawaiki lag aus dem die Maori einst zur Reise ins Land der langen weißen Wolken aufgebrochen waren, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Am Ausgang der Maori Ausstellung steht ein solider schwarzer Stein-Quader, der an der Oberfläche gerade soweit ausgehöhlt, ist um zwei Finger tief Wasser Raum zu geben. Nach Ihren traditionellen Versammlungen bespritzen sich die Maori hier mit Wasser, um den Ahnen zu sagen, dass sie gefälligst am Versammlungsort zurückbleiben sollen. Machen wir natürlich auch. Wir wollen ja keinen Ärger auf der Tour durch Neuseelands Nord Insel.

Vulkanausbruch im Modellhaus

Ganz Neuseeland tanzt auf Vulkanen. So auch Auckland. Drumherum verschieben permanent Erdplatten und lösen Beben aus. Die meisten beben kann man zwar messen, aber man spürt sie nicht in der Stadt.

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Theoretisch kann aber tatsächlich jederzeit und überall ein Vulkan ausbrechen. Im Zeitalter der Erlebnis-Pädagogik gibt es im Museum deshalb ein spezielles „Was-wäre-wenn-Wohnzimmer“. Hier kann man sich von der Couch aus ein Bild machen, was passiert, wenn der Vulkan in der Bucht vor Auckland ausbricht und ein Tsunami die Stadt verwüstet. Toll wie wir Menschen die Gefahr im Alltag so verdrängen können. Im Museumswohnzimmer wackeln alle 20 Minuten die Wände, die Lampe schaukelt unter der Decke, Schränke springen auf, Glas klirrt und auf der Wand vor dem Sofa geht ein Stadtteil unter.

Kiwis

Der Kiwi ist ein Schnepfenstrauss und das Nationalsymbol Neuseelands.  Er kann nicht fliegen und ist im Dunkeln im Wald unterwegs. Die Vögel sind je nach Sorte so groß wie eine Ente oder Gans und haben ein braunes Gefieder das allerdings eher wie Fell aussieht. Das Tier hat unter dem Gefieder versteckt kleine unbrauchbare Flügel-Stummel, mit kleinen Krallen an den Enden.

Kiwis besitzen keinen Schwanz, was ihnen eine originelle ovale Körperform verleiht. Zumal die Beine ziemlich weit nach hinten verlagert sind. Kiwis sind gute Läufer, längere Fluchtdistanzen erübrigen sich aber meist in ihrem unübersichtlichen Lebensraum. Kiwis können nicht besonders gut sehen, dafür aber umso besser hören und – eine Besonderheit unter Vögeln – sehr gut riechen.

Die Neuseeländer sind so begeistert von ihrem komischen Nationalvogel, dass sich die Einwohner des Landes selbst als „Kiwis“ bezeichnen. Abgeleitet davon gibt es die  Kiwibank. Die staatliche Rentenkasse Neuseelands heißt Kiwisaver.

Die Kiwi-Frucht ist eigentlich eine „chinesische Stachelbeere“ und wurde in Neuseeland das erste Mal außerhalb Asiens in großem Stil angepflanzt. 1959 exportierte die Handelsfirma Turners and Growers die Frucht erstmals unter dem Markennamen „Kiwi“.

Weil man den gleichnamigen Vogel im Dickicht der Wälder höchstens pfeifen hört waren wir extra im Zoo von Wellington. Hier machen die Tierpfleger für die Vögel in einer eigens konzipierten Tunnelanlage den Tag zur Nacht. Geschlagene 40 Minuten sind wir geduldig durch den Tunnel gepirscht, jedem leisen Rascheln gefolgt und haben am Ende tatsächlich zwei Exemplare gesehen. Luis Apfeltelefon sei Dank, kann ich das sogar beweisen.

Nicht ganz klar ist jedoch welche Botschaft die neuseeländische Air Force in die Welt tragen möchte: der flug-unfähigen Vogel ziert auch die Kampfjets.

Wie liebevoll die vom aussterben bedrohten Voegel betreut werden kann man hier sehen:

Kakapo

Neuseeland hat noch mehr komische Vögel im Repertoire. Der Kakapo ist der einzige bekannte flugunfähige Papagei, nachtaktiv und akut vom Aussterben bedroht. Für 2012 ergab die Zählung gerade noch 120 Exemplare.

Kakapos sind sehr große Papageien; ausgewachsene Männchen messen bis zu 60 Zentimeter und wiegen zwischen drei und vier Kilogramm. Die Flügel sind relativ klein, und es fehlt ihnen das verstärkte Brustbein, an dem die kräftige Flugmuskulatur anderer Vögel ansetzt. Sie gebrauchen ihre Flügel nur zum Balancieren und um ihren Fall abzubremsen wenn sie von Bäumen herabspringen. Anders als andere Landvögel können Kakapos große Mengen Depotfett speichern.

Eine der ungewöhnlichsten Eigenschaft der Kakapos ist ihr starker Geruch.  Kakapos „duften nach Blumen, Honig und Bienenwachs.

Kea

Der Kea ist der Punk unter den Neuseeländischen Vögeln und lebt in den Gebirgen der Südinsel Neuseelands. Er ist einer der wenigen Papageien, der außerhalb der Tropen sogar im Schnee leben kann.

Keas sind in der Dämmerung aktiv und gelten als äußerst neugierig und verspielt. Das „Untersuchen“ von Gegenständen, die von Touristen mitgebracht und unbewacht liegen gelassen wurden, geht häufig nicht ohne Beschädigung einher. Geparkte Autos sind besonders betroffen. Hier werden unter anderem oft Dichtungsgummis an Türen und Fenstern und der Lack mit den kräftigen Schnäbeln bearbeitet. Vor allem Jungtiere finden daran großen Gefallen.

Welthauptstadt der Schaf Scherer

Auf dem Weg zum Tunnel-Beach machen wir Station in TeKuiti.

Hier leben 4,374 Menschen. Zu Zeiten der alljährlichen großen Schaf-Ausstellungen schon mal ergänzt durch mehr als 2000 Schafe.

Am Ortseingang steht das überlebensgroße, Beton gewordene Wahrzeichen: ein Mann der ein Schaf schert. Die Schaf Scherer sind Teil des australischen Mythos.

Und wo das hinführen kann, haben wir in dem 80er Jahre Schmachtfetzen „Dornenvögel“ gesehen. Die Geschichte beginnt in Neuseeland spielt dann aber größten Teils in Australien – passt also irgendiwe hier her.

Anmerkung: Die Outbackszenen wurden nicht in Australien sondern in Süd Kalifornien inszeniert. Die Queensland Einstellungen wurden in Hawaii gedreht.

Sonst ist TeKuiti nicht viel los.

Allerdings nutzt unsere kleine Reisegesellschaft den einstündigen Aufenthalt in TeKuiti für ein Projekt der besonderen Art. Wir besorgen Klamotten für eine Hochzeit am Strand.

 

Traumhochzeit

Im gesamten Angelsächsischen Sprachraum findet man eine weit verbreitete Leidenschaft für sogenannte „Dress Up Parties“ (alle verkleiden sich für einen Abend einem Motto entsprechend). Im vorliegenden Fall war in einer Hütte in luftiger Höhe inmitten des Tongariro Nationalparks die Idee zu einer Hochzeitsparty geboren worden. Alles fing damit an, dass unser in Berlin lebender Franzose Romain sagte, dass er ja am liebsten für immer in Neuseeland bliebe aber das mit dem Visum praktisch unmöglich sei. Nach der zweiten Flasche Rotwein hatten wir die Lösung des Problems: Romain musste ja nur eine Neuseeländerin heiraten. Er argumentierte, dass er hier inmitten der einsamen Bergwelt wohl kaum die Frau für’s Leben finden würde.

Männer können ja manchmal so unpraktisch sein. Eine kurze Umfrage unter den Hütten -Bewohnern in jener Nacht ergab, das unsere Bergkollegin Catherine unverheiratet war. Das klang perfekt. Die beiden kannten sich ja schon beinah eine Woche. Hatten Gemeinsamkeiten (Bergsteigen) und den Rest würden wir schon Regeln. Was als schräge Idee begann verwandelte sich in immer dünnerer Höhenluft in einen handfesten Plan. Wenn schon Dress Up Party am Strand dann doch am besten gleich die ganze Fete als Hochzeit. Lina, Cath und ich waren total begeistert. So zogen wir dann in Te Kuiti durch die einschlägigen OpShops (von Wohltätigkeits-Organisationen betriebene Secondhand Läden) um Kleider für die Braut und die Brautjungfern zu besorgen und eine entsprechende Ausstattung für Bräutigam und Trauzeugen. Die älteren Damen -die diese Läden ehrenamtlich betreiben, und allesamt aussahen wie direkt aus einem Miss Marple Film entsprungen – haben sich fast überschlagen, um uns behilflich zu sein. Eine von Ihnen hat mir verraten soviel Umsatz habe sie sonst nicht in einer Woche: 3 Kleider für 22 Dollar.

Je näher wir dem legendären Tunnelbeach kamen, desto nervöser wurden Braut und Bräutigam. Man hätte beinahe vermuten können sie hatten Angst, irgendwer nehme am Ende die ganze Sache ernst.

Zusammenfassung: Es wurde ein wirklich wunderbarer Abend an einem Traumstrand mit Sonnenuntergang wie im Kino, einem legendären Hangi und begeisterten Zuschauern, die der Meinung waren, es handele sich um eine reale Hochzeit. Alles in allem ein Riesen Spaß.

Die Bilder sprechen für sich…

 

Zum guten Schluss – noch ein Vulkan

Zum Abschluss stand der Mount Taranaki (auch oder ehemals Mount Egmont) im Egmont National Park auf unserer Liste der Abenteuer. Der 2518 Meter hohe Berg ist eine archetypischer Vulkan mit perfekter Symmetrie. Weil er aus der Ferne dem Fujiama so ähnlich sieht, wurden hier Hintergrund-Szenen für den Film “Der letzte Samurai” gedreht.

 

Der Mout Taranaki ist wegens einer krassen Wetterumschwünge berühmt, dem zahlreiche Bergsteiger zum Opfer gefallen sind.

Wir steigen bei strahlendem Wetter die in die Vulkanerde gegrabenen mit Holz befestigten als 2200 Stufen hinauf zur Hütte des örtlichen Alpenvereins. Am Abend kommt plötzlich ein Sturm auf, der selbst den Ausflug zum Dunny zu einem Outdoor Abenteuer werden lässt.

Am nächsten Morgen schüttet es wie aus Eimern. Die 2200 Stufen sind mit Wasser gefüllt. An einen Aufstieg zum Gipfel ist nicht zu denken. Und wir schwimmen zurück ins Tal.

Am selben Abend erreichen wir Neuseelands Hauptstadt Wellington und genießen den Luxus einer zeitlich unbegrenzten heißen Dusche, den Anblick frischer, unberührter Klamotten aus einem extra Koffer und ein opulentes Mal mit mehreren Gängen beim Italiener. Was für eine Reise!

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Vulkan-Asche und Schwefeldampf

Der Cappuccino duftet verführerisch. Genau wie der Porridge mit Zimt und frischen Früchten. Dazu wärmt mir die Sonne freundlich den Rücken. Luis, Lina und ich versichern uns gleich mehrmals, wie froh wir sind, dass die fünf-stündige Kajaktour heute ausfällt. Zu viel Wind.

Während wir Drei den Morgen im Cafe vertrödeln reiten Catherine und Romain auf einem Raft einen tosenden Fluss hinunter und Andreas und Cath touren auf Mountainbikes irgendwo durchs Gelände. Mittags treffen wir uns am örtlichen Supermarkt, um frische Lebensmittel in den Trailer zu packen.

Andreas und ich kaufen Pflaster und Rotwein. Die Kassiererin versteht die Welt nicht mehr. Denn Andreas lehnt einen Benzin-Rabattgutschein mit dem Hinweis ab, er habe gar kein Auto. Die Neuseeländerin ist fassungslos: KEIN Auto?! Andreas erklärt, dass wir als Touristen überwiegend zu Fuß unterwegs seien. Die Frau schaut uns ungläubig an, die Einheimischen in der Schlange hinter uns schütteln die Köpfe. Einer murmelt:“Why on earth would you walk?“

Wir lernen dauernd dazu. Cath beispielsweise hatte bei der morgendlichen Mountainbike-Tour ein so mörderisches Tempo vorgelegt das Andreas schließlich lieber solo weiter fuhr. Wir erfahren so, dass Cath nebenberuflich Mountainbike Rennen fährt und auch sonst noch allerlei kräftezehrende Sportarten auf Wettbewerbsniveau betreibt.

Zwei Stunden schaukelt uns der Minibus über die Landstraße und schliesslich erreichen wir das Camp. Die große Wiese mit einem ausladenden Baumriesen im Zentrum liegt direkt an einer Biegung des Waikato River – mit 450 km der längste Fluss Neuseelands.

Das Wasser ist einladend dunkelblau. Wir bauen die Zelte auf, baden im Fluss und lümmeln im Schatten.

Am späten Nachmittag sammeln sich die Mücken schon kreisend über dem Fluss zum abendlichen Angriff, als wir die Ausrüstung für die nächsten drei Tage packen. Cath wird nicht müde uns zu predigen, dass auf dem Plateau des Tongariro Nationalparks ständig ein eisiger Wing pfeift. Luis, Andreas und ich packen T-Shirts aus Merinowolle, Fleece Pullover, wollene Socken und Mützen in den Rucksack. Die allen Elementen trotzenden Anoraks und Hosen legen wir gleich zum Anziehen bereit. Und hey, wir sind als Europäer echten Winter gewöhnt so wild wird es schon nicht werden.

Um nichts dem Zufall zu überlassen, habe ich in Rotorua  noch Handschuhe gekauft. Der freundliche Seniorchef eines alteingesessenen Geschäftes für Abenteuer-Ausrüstung war ernsthaft besorgt über unser Vorhaben. Lina, Luis und ich hatten eine Weile im Laden gestöbert und uns schließlich trotz der 23 Grad Außen-Temperatur für  Handschuhe aus Merino- und Possum-Wolle entschieden. John wollte wissen, was wir denn so vorhätten. Verwirrt von all den fremdländisch klingenden Namen fielen weder Lina noch mir auf Anhieb die Namen Tongariro Nationalpark und Mount Ngauruhoe (sprich: Narrahari) und Ruapehu ein. Als uns nach einigem hin und her und viel Gelächter dann der Name Tongariro doch noch über die Lippen kam, war der Outdoor-Experte entsetzt. Wir wollten da doch wohl nicht alleine hin und dann noch mit dem Kind! Er hielt uns für ein paar ziemlich bekloppte Stadt-Idioten. Erst der Hinweis auf einen neuseeländischen Bergführer und meinen mitreisenden Ehe-Mann beruhigten ihn. Immerhin haben wir so erfahren, dass gerade frischer Schnee auf den Gipfeln lag.

Nach einem opulenten französischen Käse-Omelett – von Romain mit kundiger Hand zubereitet – serviert Cath am Abend vor dem ganz großen Abenteuer eine Pavlova (das neuseeländische Nationaldessert das irgendwie auch die Australier für sich beanspruchen). Anschließend genießen wir noch ein, zwei Glaeser Rotwein am Feuer. Und Luis brät frisch gegrillte Marshmallows zum Nachtisch. Dann kriechen wir in die Zelte.

Frühstück um Sechs

Die Aussiecht, für weitere 2 Tage nicht in die Nähe einer Dusche zu kommen überzeugt mich von der Sinnhaftigkeit eines früh-morgendlichen Bades im Fluss. Erstaunlich an was man sich so gewöhnt. Normalerweise liebe ich heiße Duschen mit einer Wassertemperatur kurz vor dem Siedepunkt. Ziemlich ohne mit der Wimper zu zucken tauche ich heute im eis-kalten Waikato River unter.

Ich fühle mich als Heldin. So wach war ich noch nie vor dem ersten Kaffee! Da schmeckt der Frische Pfannkuchen zum Frühstück doppelt gut.

Am späten Vormittag erreichen wir die „Craters oft he Moon“ – eine sogenanntes Geo-Thermal Gebiet. Eindrucksvoll steigt Schwefeldampf aus Spalten, die anmuten wie kleine Höllen -Schlunde. Man erwartet jeden Moment den Ausbruch eines kochenden Geysirs. Wir sind beeindruckt. Ganz Neuseeland könnte quasi jeden Moment in die Luft fliegen. Die nächsten 50 Jahre wird nicht ernsthaft damit gerechnet.

Nach einem improvisierten Lunch am Strand bei Regen erreichen den Tongariro Nationalpark und wandern in zügigem Tempo durch eine sogenannte Alpine Trockengras Landschaft. So muss es in Südamerika aussehen. Der Himmel scheint unendlich weit. Die Wegstrecke ist eben. Und der knapp zweistündige Fußmarsch fühlt sich trotz des schweren Rucksacks beinah wie ein Spaziergang an.

Weil das Wetter kalt und regnerisch vorhergesagt ist, haben wir Schlaf-Plätze in der Waihohonu Hütte gebucht. Gerade als der leichte Nieselregen zu einem beeindruckenden Guss entwickelt, erreichen wir die Hütte. Im Kaminofen prasselt ein einladendes Feuer. Das Matratzenlager ist großzügig und luftig gebaut. Allerdings führt der Weg zum Häusl auch hier draußen um die Hütte herum durch die kalte Abendluft.

In der Hütte haben sich schon ein neuseeländisches Ehepaar und eine 5 köpfige Gruppe deutscher Studenten häuslich eingerichtet. Während die anderen ihre gefriergetrockneten Mahlzeiten aus der Tüte mit heißem Wasser zubereiten, schnippeln wir erst mal Tomaten, Knoblauch und Chili und Oliven für Spaghetti alla Putanesca. Dazu für jeden einen Becher Rotwein. Zum Nachtisch Schokolade mit Nüssen. Und dann reißen die Wolken auf und geben den Blick frei auf die schneebedeckten Vulkane Ngauruhoe und Ruapehu.

Der Ngauruhoe sieht aus wie Archetyp eines Vulkans – und wohl deshalb einem breiten Kinopublikum bekannt. In Peter Jacksons “Herr der Ringe ” ist der Ngauruhoe als Double fuer den Schicksalsberg zu sehen.

Der Tongariro war der erste National Park Neuseelands und gehört zum Weltnaturerbe der UNESCO. Ein weitsichtiger Maori-Haeuptling  mit Namen Te Heuheu Tukino IV (Horonuku) schenkte 1887 den heiligen Berg der Maori der Nation.

Ko Tongariro te maunga Tongariro is the mountain
Ko Taupo te moana Taupo is the lake
Ko Ngati Tuwharetoa te tangata Ngati Tuwharetoa are the people
Ko Te Heuheu te tangata Te Heuheu is the man

Die Legende sagt, Ngatoroirangi (the navigator and tohunga of the waka Arawa) war dem Tode nahe nachdem er das Gebiet erkundet hatte. Er rief nach seinen Schwestern in seiner pazifischen Heimat, damit sie ihm Feuer schickten – der Legende nach ist Hawaiiki das mythische Land inmitten des Pazifiks aus dem die Maori einst aufgebrochen waren, um neues Land zu finden. Die Schwestern taten wie ihnen geheißen, aber das Feuer hinterließ Vulkan-Spuren überall im Land.

Die drei Vulkane Tongariro, Ngauruhoe und Ruapehu sind immer noch aktiv. Ruapehu and Ngauruhoe sind zwei der aktivsten Vulkane auf unserem Planeten. Der Ruapehu ist zuletzt 1995 und 1996 ausgebrochen – begleitet von riesigen Asche- und Dampfwolken.

Die Nacht zu Füssen der Vulkane verlaeuft dennoch ausgesprochen ruhig, vom gleichmäßigen Schnarchen der Reisebegleiter einmal abgesehen.

Zum Frühstück fallen die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster. Kaum eine Wolke am Himmel. Ein Tag wie gemacht für den Aufstieg zur nächsten Hütte am Fuße des sagenumwobenen Tongariro Plateaus. Der Weg führt zunächst in leichtem Zickzack bis zu den ersten Auslaufern der Lava-Ströme. Die Landschaft wird zunehmend rauer und karstiger. Und schließlich felsiger. Hier oben kann man das Wasser der Bäche nicht mehr trinken. Zu viele Wanderer halten sich hier nicht immer an alle Hygieneregeln. Das Wasser ist mit Bakterien verseucht und kann wochenlange schwere Durchfälle verursachen. So schleppt jeder von uns neben Ausrüstung und Verpflegung noch 2 Liter Wasser bergauf.

Wir wandern über die alpine Wüste, durch Latschenfelder und schließlich über einen steilen Felspfad zu unserer nächsten Berghütte. Belohnt werden wir während der vierstündigen Tour mit fesselnden Ausblicken auf  Ngauruhoe und Ruapehu (mit 2797m der höchste Berg auf der Nordinsel).

Während ein paar Unentwegte nach dem Lunch zu einer Erkundung aufbrechen, halten Lina und ich Siesta, bis im Laufe des Nachmittags immer mehr Bergsteiger die Hütte ansteuern. Die Hütte ist einer der Ausgangspunkte für die Tongariro Überquerung – eine der schönsten Tagestouren Neuseelands. Das hat seinen Preis. Jedes Jahr machen sich circa 25.000 Bergsteiger  auf den Weg. Zu  Spitzenzeiten tummeln sich 700 Menschen pro Tag auf der Querung!  Zum Glück kommen die heute nicht alle hier vorbei. Die meisten Tages-Bergsteiger starten auf der gegenüberliegenden Seite.

Wir treffen eine Familie aus Perth und Luis zockt mit den beiden anderen Kids den Rest des Nachmittages. Uno ist das Kartenspiel der Wahl – eine weiteres internationales Phänomen. Während sich die Hütte langsam füllt, nehme ich mir Zeit für unser Risotto mit Pilzen. Und während andere Fertignudeln auf fast schon mikroskopisch kleinen Kochern zubereiten, schäle ich ein wenig Knoblauch, Lina schneidet die Champions in feine Scheiben, während der Reis im Olivenöl glasig brät. Den Sonnenuntergang genießen wir alle an der frischen Luft, bevor wir uns in der überheizten Hütte aufs Matratzenlager legen.

Die große Querung

Wie so oft auf dieser Reise wache ich um Punkt 4.00 Uhr auf. Meine Matratze liegt direkt am Fenster und ich kann eine gute halbe Stunde später das erste Sonnenlicht auf den Felsen sehen. Wir frühstücken schnell Müsli mit frisch angerührter Milch und packen die Rucksäcke. Vor uns liegen mindestens sechs Stunden. Der anstrengendste Teil der Ganzen Trekking Tour.

Über die vulkanische Mondlandschaft steigen wir durch erkaltete Lavaströme und Aschefelder. Dann nehmen wir den letzten steilen Anstieg. Hier oben dampft der Schwefel aus den Felspalten und das Smaragd-grüne Wasser ist geradezu gespenstisch schön. Gefärbt von Algen, die in der Schwefel-Säure leben.

Jetzt wird es ernst. Vor uns liegt ein steiler Grad, der weiter oben direkt in den Vulkan abfällt. Wegen des starken böigen Windes empfiehlt Cath, dass wir immer zu zweit untergehakt bergauf stapfen. Ich bin mit meinen Stöcken bestens gewappnet. Luis läuft im Windschatten von Andreas.

Wir sind inzwischen vermummt wie die für eine Everest Expedition. Der Wind ist atemberaubend. Der Anstieg unendlich mühsam. Im Bims-Stein-Geröll läuft es sich wie in pulvrigem Schnee. Zwei Schritte nach vorn. Ein Schritt nach unten gerutscht. Bloß nicht nach unten schauen, denke ich. Ein Atemzug, ein Schritt. Uns kommt eine Ehepaar in dünnen Leinenturnschuhen entgegen. Was sich die Leute wohl so denken vor so einer Tour? Die Frau rutscht auf dem Hinterteil bergab.

Und dann stehen wir an der höchsten Stelle des Grads und schauen direkt in den Krater. Wir sind nichts als kleine Ameisen auf diesem riesigen Kraterrand des sogenannten Rear-Crater. Der Wind verhindert, dass wir hier Pause machen und so werden nur rasch ein paar Rationen Zucker in Form von Bonbons verteilt. Wir werden am Fuße des Ngauruhoe Brotzeit machen und dort entscheiden, wer den Gipfel besteigen will.

In Serpentinen geht es über das Geröll hinunter auf eine riesige Hochebene, aus der der Ngauruhoe steil schwarz und unnahbar aufragt. In langen Kolonnen kommen uns jetzt Touristenströme entgegen. Kein wunder, dass hier jedes Jahr Menschen umkommen, so wie hier manche Ausgerüstet sind. Ich sehe einen älteren Herrn in Croqs durchs Geröll schlittern. Manche japsen und stöhnen, dass man ihnen die Sauerstofflasche reichen möchte.  Sobald der Wind nachlässt, brennt die Sonne erbarmungslos.

Der Blick auf die unwirkliche Szenerie entschädigt für das schmerzhafte Ziehen im Knie. Nach etwa zwei Stunden haben wir die Felsen am Fuße des heiligen Berges erreicht. Die karstigen Brocken hat der Vulkan beim letzten Ausbruch irgendwann ausgespuckt. Luis hat sich umfassend informiert und erklärt mir, dass der Vulkan einen Ausbruch immer mit kleinen Erdbeben ankündigt. Dann hätten wir immer noch gut 4-5 Stunden, um aus der Gefahrenzone zu laufen. Derart beruhigt basteln wir uns erst mal ein Sandwich. Unser Blick gleitet den Berg hinauf. Etwa 2 Stunden muss man durch Vulkanschutt den Berg hinauf klettern. Mit Handschuhen – die Steine haben scharfe Kanten und verursachen Schnitte an den Händen, wenn man sich abstützt. Das gefährlichste ist allerdings herabstürzendes Geröll das von Bergsteigern weiter oben losgetreten wird. Lina kann mit ihrer kaputten Achilles Sehne keinesfalls da rauf, mein Knie quietscht förmlich bei der Vorstellung, den Berg im Dauerlauf runter rutschen zu müssen und für Luis ist die Tour ohne Helm einfach zu gefährlich. Wir werden allerdings nicht hier auf die Helden warten sondern bis zur letzten Hütte eine halbe Stunde vor dem Parkplatz absteigen. Das Gipfelteam lässt den größten Teil der Ausrüstung zwischen den Felsen zurück, wir vereinbaren Handy-Signale für den Notfall und berechnen, wann die Seilschaft im Tal sein müsste. Wir teilen Wasser, Erste Hilfe Pakete und Muesli-Riegel auf und verabschieden uns.

Zweieinhalb Stunden wandern wir den Weg in immer neuen Serpentinen bergab. Immer längere Touristenkolonnen kommen uns entgegen. Die müssen alle über den Grat, werden allerdings auf der gegenüberliegenden Seite von einem Parkplatz aus wieder eingesammelt und in die Zivilisation zurück transportiert. Zwischendurch sucht unser Blick immer wieder die Wände des Vulkans ab. Wo das Gipfelteam jetzt wohl ist. Doch der Tag ist wie gemacht für den Ngauruhoe – wolkenloser Himmel. An 90 von 100 Tagen ist das Wetter zu schlecht für eine Gipfeltour.

Als wir endlich die Hütte erreichen, fallen wir alle drei total erschöpft auf die davor liegende Wiese. Ein aufmerksamer Bergsteiger bringt uns aus der Hütte heißen Tee zur Stärkung. Wir schaffen es gerade noch unsere Isomatten auszurollen, bevor uns der Schlaf übermannt. Als ich unter meinem Hut wach werde muss ich erst mal meine Zehen bewegen. Ich muss völlig bewegungslos geschlafen haben. Luis und Lina sind immer noch wie narkotisiert.

Weitere Bergsteiger treffen nach und nach ein und pünktlich wie die Maurer tauchen auch unsere strahlenden Helden zum vereinbarten Zeitpunkt ein. Im Gepäck haben sie atemberaubende Bilder, an  den Waden beeindruckende Prellungen von herabrollendem Geröll und im Kopf den Film einer einmaligen Tour auf einen sagenhaften Berg.

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Aotearoa, im Land der langen weißen Wolken – eiskaltes Wasser und kochender Schlamm

Bei jedem meiner Schritte schmatzen meine ledernen Bergschuhe laut vor sich hin. Seit eineinhalb Tagen folgen wir dem Bachlauf. Und zwar mehr oder weniger direkt. Am Ende haben wir das Flüsschen 216 mal durchquert, sind über quer liegende Bäume geklettert oder knöchel-tief im Schlamm versunken. In den Stiefeln steht abwechselnd Wasser und Schlamm. Die Wollsocken verfilzen allmählich und zwischen den Zehen bilden sich erste Schwimmhäute. Insgesamt sind wir drei Tage unterwegs durch den Whirinaki Nationalpark mit seinen ausgedehnten Waeldern. Das ist knapp ein Drittel der gesamten Expeditionsdauer.

Alles beginnt ganz harmlos. Mit voll gepackten Rucksäcken  wandern wir rund 2 Stunden durch herrliche Buchenwälder bis zu einer luftigen Schutzhütte am Flussufer. Unter dem A-förmigen Dach ohne Seitenwände finden wir sieben Holzpritschen, eine Eisenofen für das abendliche Feuer und ein Spülbecken mit Wasserhahn. Auf der stählernen Arbeitsplatte haben unsere Vorgänger zurückgelassen, was der  naturentfremdete Wander-Tourist  in die Wildnis schleppt: Ein paar auf Knöchelhöhe abgeschnittene Gummistiefel, eine halb leere Tube Gel fürs Haar, ein kaputtes Feuerzeug, einen windschiefen Campingstuhl, Wanderstiefel mit abgelöster Sohle, eine Sohle ohne Stiefel, ein Paket Haargummis, 2 Pfannen und einen Topf. In einiger Entfernung des Lagers steht ein „Häusl“ (australisch „Dunny“). Die genaue Beschreibung erspare ich mir.

Rainforrest Shelter

Ein kurzer Weg durchs Unterholz führt uns von unserem Schutzdach zum Fluss. Abkühlung tut jetzt gut. Schon allein, weil es im Nationalpark keine Duschen gibt. Nachdem ich wieder auftauche bleibt mir für einen Moment die Luft weg. Die Wassertemperatur liegt gefühlt knapp über dem Gefrierpunkt. Zweimal untertauchen und dann zurück ans Ufer wo mein fabelhaft praktisches Trekkinghandtuch an einem Ast baumelt. Leider entspricht die Größe eher einem überdimensionalen Taschentuch als dem eines Badetuchs. Mein Kreislauf arbeitet nach diesem Kälteschock auf Hochtouren und ich trockne beinah von selbst.

Im Lager herrscht Outdoor Idylle. Luis macht Feuer. Andreas hackt sicherheitshalber noch ein bisschen Holz mit einer sehr beeindruckenden Axt. Romain schnippelt Gemüse das von Cath zu einem asiatischen Stirfry verarbeitet wird. Catherine und ich servieren schon mal die Vorspeise: Cracker mit Käse. In der Hütte gibt es keinen Strom und wir sind nach Einbruch der Dunkelheit auf unsere Stirnlampen angewiesen. Da ist Vorbereitung die halbe Miete. Die Schlafsäcke und Isomatten sind ausgerollt, als uns in der Dämmerung die Moskitos überfallen. Die Allzweckwaffe kommt penetrant riechend aus einer kleinen grünen Tube mit dem Aufdruck „Buschman“ und hinterlässt ein klebriges Gefühl auf der Haut. Doch wie die Pflanzen in dieser Gegend sind auch die Moskitos von beeindruckender Größe. Lieber kleben als quälend juckende Einstichstellen.

Ziemlich still löffeln wir das Stirfry aus den bunten Plastik-Näpfen. Offensichtlich schmeckt es allen. Im Ofen knackt ein ansehnliches Feuer, Luis hat eingeheizt als gelte es einem Schneesturm zu trotzen. Zum Nachtisch gibt’s Schokolade und Luis grillt für die gesamte Mannschaft Marshmallow’s am offenen Feuer – auf Bestellung medium oder well-done.

Wir reden noch ein bisschen am Feuer. Auf dem Weg zum „Dunny“ schauen wir in die sternenklare Nacht. Noch nie habe ich so viele Sterne am Himmel leuchten sehen. Ein Nachtvogel schreit jenseits unserer Lichtung. Inzwischen ist es kalt geworden. Wir kuscheln uns in die Schlafsäcke und während ich am Himmel noch nach vertrauten Sternenbildern suche, schlafe ich ein.

Als ich aufwache färbt sich der Himmel hinter den riesigen schwarzen Bäumen gerade langsam in ein glänzendes Dunkelblau. Gleich wird es dämmern. Nachdem ich mich endlich entschließen kann, meinen nackten Arm aus dem Schlafsack in die eiskalte Luft zu strecken kann ich sehen, dass es gerade 4.30 ist. Zu früh, zu kalt und zu dunkel, um zum Dunny zu laufen. Probeweise nehme ich einen Stöpsel aus dem Ohr. Vielleicht kann ich schon die ersten Vogelstimmen hören. Doch selbst wenn schon irgendwo ein Vogel singt, hier unter dem Hüttendach bin ich umgeben von lautstarkem Schnarchen. Dann lieber wieder Ohrstöpsel. Sonnenaufgang als Stummfilm. Und Frühstück gibt’s erst um 6.00.

Mir fällt ein, dass ich als Teenager einen Neuseeländischen Roman mit  dem bezeichnenden Titel „Frühstück um sechs“ gelesen habe. Der Untertitel lautete: „Eine Herde Schafe und ein Ehemann machen der jungverheirateten Susan viel zu schaffen.“ Nun bin ich längst nicht mehr jung verheiratet und Schafe haben wir bisher noch gar keine gesehen. Und mein Mann steigt auch nicht vor dem Frühstück aufs Pferd um die Weiden abzureiten (obwohl möglicherweise der Vergleich zum frühmorgendlichen Besteigen eines Rennrades zum Zwecke der Körperertüchtigung nicht völlig von der Hand zu weisen ist).  Dennoch gibt es eine Parallele zum Buch – ich erinnere mich an Susan, die sich regelmäßig über den langen kalten Weg zum Dunny hinterm Haus beschwert.

Ja und wo sind denn eigentlich die ganzen Schafe? Weder in Auckland, noch auf der Fahrt Richtung Rotorura, noch in der Nähe des Nationalparks haben wir welche gesehen. Statistisch gesehen ist die Zahl der Woll-Lieferanten rückläufig. 2008 waren es noch etwa 33,9 Millionen, 2009 nur noch 32,4 Millionen. Das heißt ja wohl nüchtern betrachtet, dass innerhalb eines Jahres 1,5 Millionen Schafe auf der Strecke geblieben sind. Dabei hat ganz Neuseeland mit etwa 4,2 Millionen nur so viele Einwohner wie Melbourne. Die können ja wohl nicht eineinhalb Millionen Schafe in einem Jahr essen. Während ich in meinem Schlafsack weiter über Schafe meditiere kommt endlich Bewegung ins Lager.

Nacheinander schälen wir uns aus den Schlafsäcken und stellen fest, es hat sich gelohnt in Daunen zu investieren. Während wir im T-Shirt Schlafen konnten, hat sich Roamain im Laufe der Nacht mehrere Schichten Hosen und Pullover angezogen.  Nach einem opulenten Frühstück aus Müesli und frisch angerührter Trockenmilch – jedes Gramm im Rucksack zählt – brechen wir auf.

 

Hiking Team

Wir folgen dem Flusslauf und lernen dabei, wie es im Prospekt so schön beschrieben war: „essentielle Techniken zur Flussüberquerung“.  Die Silbe „über“ hatten die Veranstalter getrost streichen können. Praktisch angewandt bedeutet „Flussquerungs-Technik“ nämlich, dass wir breitbeinig durch den Fluss waten und nasse Füße bekommen. Immerhin hat das Wasser Trinkqualität, wie Cath uns versichert. Andere Touristen bekommen wir an diesem Tag keine zu sehen. Nur der Kaka (Buschpapagei), begleitet uns mit seinen Rufen auf unserer Tour – ohne sich sehen zu lassen.

Sechs Stunden steigen oder klettern wir über Stock, Stein und umgefallene Bäume oder umarmen dieselben um unter ihnen durch zu rutschen. Dabei mäandern wir im und am Fluss entlang. Haben wir Anfangs die Schlammlöcher noch sorgsam vermieden, stapfen wir nach zwei Stunden durch Knöcheltiefen Batz ohne mit der Wimper zu zucken. An der nächsten Flussbiegung geht’s wieder durchs Wasser das spült den Schlamm fort.

Dabei ist die Szenerie durchaus atemberaubend. Eigentlich müsste jeden Augenblick zumindest ein ganz kleiner Dinosaurier um die Ecke kommen. Steven Spielberg wäre begeistert von diesem urtümlichen Dschungel.

Wasserfall

Nach drei  Stunden hadere ich mit mir, der Tour und überhaupt. Wahrscheinlich ist nur wenige Meter von uns entfernt ein gut gepflegter Wanderweg von dem aus man die Schönheit des Waldes trockenen Fußes genießen kann.  Während wir uns wie Kandidaten einer Dschungel-Reality-Show durchs Unterholz arbeiten. Wenigstens spüre ich die gut durchgekühlten Füße inzwischen nicht mehr. Nach 4 Stunden bin ich so müde, dass ich jetzt gerne auf einen Shuttlebus zurückgreifen würde. Gibt es aber nicht. Von hieraus geht es nur vorwärts und zwar auf eigenen Füssen. Lina macht einen falschen Tritt und verletzt sich die Achilles Sehne. Sie läuft mit Schmerzen. Voltaren Tabletten sollen die Schwellung verhindern. Immerhin wird der Fuß bei jeder Flussquerung gut gekühlt. Und wir queren etwa alle 20 Meter. Manchmal laufe ich einfach geradeaus weiter. Das ist kalt, aber das macht jetzt auch nichts mehr. Luis marschiert immer noch tapfer mit seinem Rucksack durchs Gelände und ist guter Dinge solange er regelmäßig Zugriff auf Müsliriegel, Schokolade und Bonbons hat. Bei all der Anstrengung gelingt es uns kaum Kalorien zu verbrennen angesichts der riesigen Rationen an Süßigkeiten.
Als ich eigentlich nur noch im Autopilot Modus laufe, geht es nochmal 30 Minuten steil bergauf zur Hütte. Jenseits dieses Passes liegt der eigentliche Whirinaki Regenwald. Riesige Baumfarne und die größten Bäume Neuseelands (Kauri) bilden ein üppiges grünes Dach.  Cath unsere nimmermüde Führerin läuft mal eben schnell im Sturmschritt voraus, um schon mal Feuer zu machen.

Huette im Wald

Als ich keuchend die Hütte erreiche, ist der Tee schon fertig. Was für eine Wohltat nach all den Stunden endlich die nassen Schuhe und Socken loszuwerden! Ich weiß noch, dass es Nudeln gab, an die Soße dazu kann ich mich Erschöpfungs-bedingt gar nicht mehr erinnern. Andreas päppelt mich mit einem Becher erstklassigen Neuseeländischen Rotwein wieder auf. Hat er extra bis hierhergetragen. In der Hütte glüht der Eisenofen  schon beinah vor Hitze. Da werden wenigstens die nassen Hosen trocken. Nach den Stichwörtern „Essen einpacken“ und „Ratten in der Hütte“ fällt Andreas und mir auf, dass es in der kleinen Hütte sowieso viel zu warm ist zum schlafen. Wir schleppen die Matratzen auf die Veranda und schlafen eine weitere Nacht draußen. Nun, in meinem Fall war es wohl eher eine tiefe Bewusstlosigkeit.

Um 6 Uhr früh geht’s wieder los. Rein in die nassen Socken. Es lohnt nicht trockene Socken in durchgeweichten Schuhen zu tragen. Müsli löffeln und nach 30 Minuten … genau. Die erste Fluss-Querung. Alles wie gehabt für weitere 4 Stunden.

Ferntrees

Dazu gibt es heute als Ergänzung schneidende Gräser, die an den Beinen der Kurzbehosten Tour-Mitglieder beeindruckende Striemen und Schnitte hinterlassen. Kletten-ähnliche Gewächse, die sich in behaarten Männerbeinen verfangen und Oungaounga eine fast schon aggressive Nessel, deren Berührung noch tagelang beim Kontakt mit Wasser als stechender Schmerz zu spüren ist. Hunde, die sich bei der Wildschweinjagd in solchen Büschen verfangen haben, sind angeblich am allergischen Schock gestorben. Sagt Cath. Ich glaub Ihr aufs Wort. Cath ist nicht nur Tour-Guide sondern auch passionierte Jägerin. Ach ja und im Hauptberuf besamt sie den Winter über Milchkühe – was ihr in ihrer Heimat Central Otago auf der Südinsel Neuseelands den Titel „The Blond Bull“ eingetragen hat.

Nass und Hungrig erreichen wir am Mittag den Parkplatz an dem uns unser Bus mit Trailer erwartet. Nie war es schöner nasse Schuhe loszuwerden!

Auf der Fahrt zum abendlichen Quartier auf einem Campingplatz (Duschen! Waschmaschine! Toiletten!) halten wir zunächst an den „Kochenden Schlammlöchern“.  Auf der Fläche eines Fußballfeldes kocht grau-brauner Schlammsee leise vor sich hin. Schwefelwolken wabern über die verschiedenen Löcher. Hie und da spitzt der Schlamm in dicken Blasen nach oben ganz so, als müsse man gleich mal die Gasflamme unter dem See runterdrehen.

Kochender Schlamm

Ein ganzes Stück weiter halten wir unvermittelt an der Landstraße. Im Gebüsch versteckt führt ein Pfad zu einem heiß-kalten Fluss. Eigentlich sind es zwei Wasserläufe: der Eine kochend heiß (die Maori haben das Wasser früher zum Kochen benutzt….), der Andere eiskalt. Und an der Stelle an der beide ineinander fließen platziert sich jetzt jeder an der Stelle mit der persönlichen Wohlfühltemperatur. Sehr praktisch. Wären da nicht Amöben im heißen Wasser, die – sofern Sie über Augen oder Nase in den Körper gelangen – Hirnhautentzündung verursachen können. Die Warnschilder am Ufer  – “Kopf über Wasser halten!“ beeinträchtigen den Bade-Spaß doch ein wenig. Doch der mitreisende Doktor versichert, dass Amöben nicht durch die Haut eindringen und eigentlich nichts passieren kann, wenn wir den Kopf hoch halten. Das Wasser riecht übrigens als käme es direkt aus der Hölle – aber wer lässt sich schon von Schwefelgeruch abschrecken, wenn Entspannung für die müden Muskeln lockt.

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Und am Mittwoch zur Queen

Elizabeth II @ Royal Children's hospital

Royal Children"s Melboure

Wir sind zurück aus Deutschland und es wird Frühling in Melbourne. Andreas berichtet, dass das nagelneue Royal Children’s Hospital praktisch fertig ist – jedenfalls fertig genug, um von Ihrer Majestät Queen Elizabeth II persönlich eingeweiht zu werden. Die Medien übertreffen sich mit Spekulationen rund um den geplanten Besuch. Das ganze Land scheint mit einem mal die Diskussion über die mögliche Republik Australien vergessen zu haben. Noch ist die Queen das Staatsoberhaupt Australiens. Und sie kommt für 10 Tage nach Down Under. Ein ganzes Land ist aus dem Häuschen.

Wir versuchen derweil erst mal unseren Jet-Lag zu überwinden und planen die Termine der nächsten Wochen. Ein Griff in den Briefkasten fördert eine Woche später ungewöhnliche Post zutage. Ich bin eingeladen.

„In the Gracious Presence of Her Majesty The Queen and His Royal Highness The Duke Of Edinburgh“. Zur Eröffnung des New Royal Children’s Hospital.

Saperlott. Da staune ich als eingefleischte Republikanerin nicht schlecht. Ich bin ja schließlich kein Untertan und nicht einmal ein POM (Prisoner of her Majesty – so werden die Briten gerne von den Australiern tituliert). Die Einladung gilt ausdrücklich nur für mich – ich darf Niemanden mitbringen. Nicht mal meinen Mann. Das ist nun überhaupt nicht fair. Wenn man bedenkt, dass er in dieser Klinik hauptberuflich Leben rettet und ich nur ehrenamtliches Mitglied eines beratenden Komitees des Krankenhauses bin.

Die Reaktionen aus meiner direkten Umgebung reichen von „bringst Du mir ein Autogramm mit?“ über „Was ziehst Du an?“, „Machst Du einen Hofknicks?“, „Das ist unfair! Alle meine Freunde treffen Ihre Majestät. Nur ich werde nie eingeladen.“ Bis hin zu: “Klar haben die Dich eingeladen. Soviel Australier mit irgendwelchen Funktionen und komischen Titeln gibt es ja auch wieder nicht. Alle anderen hat sie ja schon getroffen, entweder in Canberra auf dem Empfang oder bei der Flower Show oder in Brisbane oder Perth.“

Ein Freund der Familie und waschechter Untertan Ihrer Majestät hat Freunde, die schon mal zum Lunch bei der Queen eingeladen waren und sich mit den Fallstricken des Protokolls auskennen. Ich erhalte umgehend einen persönlichen Crash-Kurs in Sachen Etikette. Auch wenn ich davon ausgehe, dass ich eigentlich nur eingeladen bin weil, wie Luis es so schön auf den Punkt bringt, „Vormittags sonst keiner Zeit hat“.

Ich lerne, dass ich die Queen keinesfalls ansprechen darf. Falls sie wiedererwarten das Wort an mich richten sollte, darf ich keinesfalls sagen: „pleased to meet you“, denn dass versteht sich bei der Queen von selbst. Was ich statt dessen sagen soll, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Ich lege diesen Teil des Themas ad acta, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit der Queen spreche ist geradezu unter null.

Die Queen trägt immer Handschuhe – ich müsste aber meinen rechten Handschuh ausziehen, sollte sie mir die Hand reichen. Nicht schütteln, versteht sich! Soweit so gut. Die Einladung definiert den Dresscode als „Lounge suit or clinical attire“. Das hilft nicht wirklich in meinem persönlichen Fall. Mein Royaler Coach übersetzt geduldig: „elegantes Nachmittagskleid, kniebedeckend. Jacke oder passender Mantel. Kein Hut. Farben der Jahreszeit entsprechend frühlingshaft. Kein schwarz.“ Habe ich ein elegantes Nachmittagskleid? Sowas gibt es doch seit den 60ern nicht mehr wirklich im einschlägigen Fachhandel. Also was ziehe ich an?

Steven Fry britischer Schauspieler und Journalist wurde eigens von irgendeinem TV Sender nach Australien eingeflogen, um das Grossereignis als Kommentator zu begleiten. Gerade als ich vor meinem geöffneten Kleiderschrank meditiere, erklärt er im Radio: “Ihrer Majestät könnte sich kaum weniger darum sorgen, was die Menschen anhaben, die Ihr begegnen“. Der erste vernünftige Hinweis seit Tagen!

Als geladener Gast erhalte ich 3 Tage vor der Veranstaltung einen Passierschein – in diesem Fall als „Entree Card tituliert“. Das Ganze klingt auf einmal mehr nach Anordnung als nach Einladung: „Your entry arrival time is between 9.30 and 10.00 am. PLEASE ADHERE STRICTLY TO THIS TIME.“ Veranstaltungsbeginn ist allerdings erst um 11.30 Uhr. Es versteht sich fast schon von selbst, dass ich einen Lichtbildausweis bei mir tragen, einem Sicherheitscheck und einer Durchsuchung meiner Handtasche zustimmen muss. Ich muss mich ausserdem am Eingang registrieren lassen und überhaupt darf ich keine Handy und keine Kamera mitbringen. Immerhin habe ich einen garantierten Parkplatz. Der Göttergatte empfiehlt in jedem Fall spannende Lektüre mit in den Saal zu nehmen,  offensichtlich werde es ja in erster Linie dauern.

Nachdem ich meinem CEO erklärt habe, dass ich unmöglich zur Arbeit kommen kann, wenn ich zur Queen muss, hat er dafür gesorgt, dass nun aber auch Jeder weiß, dass ich eingeladen bin – mit dem penetranten und in jeder Hinsicht übertriebenen Hinweis bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit: „Susanne trifft die Queen“. Und schon wieder sind alle aus dem Häuschen, wollen Autogramme haben, oder mir gar Petitionen mitgeben. Ja wo samma denn?

Pünktlich um 9.25 fahre ich durch die erste Kontrolle ins Parkhaus. Im Radio läuft schon die ganze Zeit die Life-Reportage zum Besuch der Queen: Seid 7.00 Uhr morgens warten Menschen auf dem Gehwegen vor der neuen Klinik auf den hohen Besuch. Ordner mit Sonnenbrillen und Knopf im Ohr dirigieren mich bis in die unterste Etage des unterirdischen Parkhauses – ob die mich durch die Sonnenbrillen überhaupt sehen können bleibt unklar. Ich parke und werfe einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Neben mir hält ein großer schwarzer Porsche Cayenne. Ich schaue neugierig hinüber – der höchste Würdenträger der koptischen Kirche in Australien rückt gerade nochmal sein goldenes Kreuz  und die Kopfbedeckung zurecht und schaut neugierig zu mir herüber. Der Moment entbehrt nicht einer gewissen Komik und wir lachen beide. Ich beschließe spontan mein Handy nicht im Auto zu lassen. Wir sind schließlich in Australien, da schlägt man der Obrigkeit schon mal ein Schnippchen.

Vor den Aufzügen im Parkhaus sieht es aus wie am Flughafen – es gibt tatsächlich Schalter zum „einchecken“. Dem Anlass entsprechend zieren allerdings kleinen Buchsbaumhecken, roten Teppiche und Absperrungen aus roten Kordeln das sonst eher karge Parkhaus Ambiente.

Nachdem ein Sicherheitsexperte meinen Namen auf der Liste gefunden hat – „Nein, Susanne schreibt man nicht mit „C“ am Anfang“ – klebt mir ein energischer Kollege ein weißes Armband aus Kunststoff eng ums Handgelenk. Fühlt sich an wie eine einseitige Handschelle. Man winkt mich weiter zum Handtaschen-Inspektions-Tisch. Ich öffne das Täschchen (das iPhone steckt im Portemonnaie und ist nicht zu sehen) – der Röntgenblick der jungen Dame durchdringt den Inhalt und sieht dennoch nichts.

Und schon stehe ich im Lichthof der neuen Super Klinik. Eine Milliarde Dollar hat der Bau gekostet. Inklusive Mega-Meerwasser-Aquarium und Erdmaennchen Gehege hinter Glas. Boese Stimmen sprechen bereits vom Royal Children’s Hotel.

Geladene Gäste stehen unschlüssig in der Gegend rum. Immerhin ist die Frage „waren Sie schon am Aquarium“ eine gute Eroeffnung fuer den allfaelligen Smalltalk. Es ist 9.45 Uhr. In einer Stunde erst beginnt das offizielle Programm. Die Queen kommt erst um 11.35 Uhr. Was machen wir jetzt eigentlich alle bis dahin? Die Klinik ist ja noch nicht in Betrieb (Start ist der 30. November). Also gibt es nicht mal ein funktionierendes Kaffee oder gar einen Getränkeautomaten. Schlaue Gäste – oder soll ich sagen unverfrorene – haben sich einen „Coffee to go“ mitgebracht. Das hab ich mich natürlich nicht getraut. Überall werden Handys aus den Taschen gezogen.

Ich suche erst mal meinen Sitzplatz. Gar nicht so schlecht. Im Mittelbau, direkt am Mittelgang. Eine Protokoll-Dame erklärt, dass die Queen direkt an mir vorbei laufen wird auf dem Weg zum Gästebuch. Aha. Das heißt ich werde sie vielleicht tatsächlich sehen können. Ich treffe Christine die CEOse. Die gibt sich betont abgebrüht und wirft mir ein „Mann bin ich froh, wenn das alles vorbei ist!“ hin.

Pressevertreter, PR-Mädels und Protokolldamen schwirren durch die Gegend. Sicherheitsleute sprechen leise in Ihre Handgelenke und lassen vielsagend den Blick schweifen. Auf den Balkon-Gängen quer über den Lichthof drängen sich all jene Klinik Mitarbeiter, die im Altbau gerade irgendwie abkömmlich sind. Fernsehkameras werden in Stellung gebracht. Ein Trupp Fotoreporter marschiert zügig auf die extra errichtete Tribuene. Eine Stimme fordert uns über Lautsprecher auf, unsere Plätze einzunehmen. Ein Gruppe von Eltern und Kindern wird im hinteren Drittel des Lichthofs platziert. Schwestern in farblich arrangierter Arbeitskleidung in rosa und pink Tönen werden quasi als Dekoration arrangiert.

Zwei Fernsehgesichter übernehmen die Moderation – so eine Art Marietta Slomka und Klaus Kleber Australiens. Dann geht es los. Der Klinikchor singt, der Gesundheitsminister redet und freut sich, der Architekt wird interviewt und freut sich. Es folgt der Executive Director Operations (der macht die Organisation nicht die Operationen …) und redet und freut sich und der Chief of Paediatric Surgery wird interviewt und freut sich ebenfalls. Alles andere wäre dem Anlass ja auch vollkommen unangemessen. Da kommt die Durchsage: Die Queen fährt vor. Die großen Video Leinwände zeigen Fähnchen schwenkende Menschen.  Ein Wagenschlag wird geöffnet. Dem Landrover entsteigt die Queen in „shocking pink“(offizielle Bezeichnung des Buckingham Palastes). Dynamische Farbwahl im gesetzten Alter von 85. Die Frau des Premierministers von Viktoria trägt Scharlachrot und versinkt in einem tiefen Hofknicks. Ich bin sicher die Fotografen weinen, weil sich die Farben so sehr beißen. Der Hofknicks ist ein Politikum – hatte sich doch Premier Julia Gillard nur mit einer knappen Verbeugung begnügt. Die Royal Party, d.h, die Queen, der Duke of Edinbourgh und die ganze Entourage begibt sich in das innere des Gebäudes.

Die Queen absolviert in 20 Minuten eine Tour durch die neue Klinik, die sich am besten wie folgt zusammenfassen lässt: Die Royal Party betrachtet das Aquarium, das Personal auf den oberen Rängen betrachtet die Royal Party. Die geladenen Gäste recken die Hälse auf der Suche nach einem Hut in Pink. Die Fische öffnen stumm die Mäuler. Alles in allem ein Leben im Aquarium.

Die Queen war geschlagene 35 Minuten im Royal Children’s Hospital. Etwa 10 Minuten davon auf der Bühne im Lichthof, um formvollendet eine Plakette anlässlich der Eröffnung zu enthüllen. Eine behandschuhte Hand zieht zart an einer goldenen Kordel. Der Vorhang weicht zurück. Die geübte Hand Ihrer Majestät ordnet ein wenig den Faltenwurf des Vorhangs. Die Königin spricht kein öffentliches Wort und setzt ihr Lächeln nur sparsam dosiert ein. Urteilt man nach den Bildern der Video-Übertragung im Saal, dann hat Elizabeth II den Erdmännchen im großen Glasgehege der künftigen Ambulanz mehr Zeit gewidmet, als den Kindern, die von dieser Klinik profitieren werden.

Auf dem Weg nach draußen geht die Queen tatsächlich direkt an mir vorbei. Und lächelt. Die aufgereihten Schwestern knicksen.

Was bleibt von diesem Tag ist der Eindruck einer reizenden alten Dame, die Ihren Job professionell absolviert. Mit eiserner Disziplin und knallhartem Protokoll. Die Kontrolle über das Image „der Firma“ ist die oberste Maxime. Bilder von der ernst blickenden oder gar müde wirkenden Königin fehlen in der späteren Berichterstattung.

Uns werden nach gut drei Stunden Getränke und kleine labbrige Sandwiches gereicht. Meine Gesprächspartner versichern mir beim Smalltalk ausnahmslos, sie seien im Herzen Republikaner: „Die Monarchie ist schließlich nicht mehr Zeitgemäß für Australien“. Das Gefühl teile ich. Meine Pumps drücken nach dem vielen herumstehen doch ganz erheblich.

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Unser Traum vom einfachen Leben: Fidschi – Viti – Fiji

Wir träumen im Melbourner Winter (ich sage nur: „Drei Hunde Nächte“) von einsamen Stränden, wärmender Sonne und dem einfachen Leben auf einer abgelegenen Insel. Die Idee von einer Reise nach Fidschi klingt da doch wie ein Versprechen! Wir stürzen uns ins Internet und beginnen unsere Recherchen.

Fidschi bietet alle gängigen Südsee Klischees und ist deshalb längst ein boomendes Touristenziel. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den touristischen Erfolg war wohl die Veränderungen im Lebensstil der Fidschianer. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war Kannibalismus nämlich noch eine verbreitete Kulturpraktik.

Das Angebot für Ferien in Fidschi reicht vom exorbitant teuren Exklusiv Ressort, über All-inklusiv-Hotels bis zum Angebot für Rucksack-Touristen.

Als wir kurz vor Mitternacht am Flughafen Melbourne einchecken schieben sich Vertreter aller Fidschi-Marketing Zielgruppen  in Richtung Passkontrolle. All-Inclusiv Gäste wollen keine Minute des Urlaubs verschwenden und trotzen deshalb bereits hier in Strandbekleidung den winterlichen Temperaturen. Erste-Klasse-Urlauber mit Reisetaschen aus Handschuhweichem Leder  sind dagegen in mehrere Schichten Kaschmir gehüllt. Großfamilien mit Kind und Kegel wuchten unübersehbare Gepäckmengen zum Flug-Schalter. Senioren schleppen  Golfschläger. Surfprofis stapeln Ihre Bords neben dem Schalter für übergroßes Gepäck und Abenteurer im Khaki Dress federn erwartungsvoll in neuen Wanderstiefeln. Und mitten drin stehen wir mit unserem Tauchgepäck und ein paar anderen Kleinigkeiten.

Es muss gleich gesagt sein: Fidschi ist nicht nur ein Südseetraum. Fidschi ist auch Mallorca. Ballerman ist überall. Und ich denke still darüber nach, ob man nicht verpflichtende Kurse zum Thema „Etikette für Pauschal-Touristen“ einführen sollte oder wenigstens Minimal-Kleidervorschriften. Wahrscheinlich bin ich aber einfach nur spießig.

Nach knapp 4 Stunden Nachtflug landen nahe der Stadt Nadi auf der Hauptinsel Viti Levu – einem Hauptumschlagplatz für Touristen in Fidschi. Verschlafen laufen wir in Richtung Immigration (Passkontrolle). Und da, ich traue meinen Ohren kaum! Eine 4-köpfige Band empfängt und mit landestypischer Musik: Ukulele, Gitarre und Männer-Chor. VIDEO

Wow. Das ist Klischee Performance auf höchstem Niveau. Gleich kommt bestimmt Traumschiff Stewardess Heide Keller um die Ecke!

Nein, echt, es ist hinreißend um 6.00 Uhr früh mit einem herzlichen Lächeln empfangen zu werden. Die Jungs haben frische Blüten im Haar und tragen Röcke. Und strahlen uns an, als hätten sie unseren Besuch nicht erwarten können. Interessant welche besänftigende Wirkung die Darbietung hat: der Manager vor mir vergisst einfach weiter in seinen Blackberry zu labern und lächelt. Toll! Das Konzept sollten wir weltweit übernehmen.

Wir laufen mit dem Gepäck zur Aufbewahrung und stellen fest, auch die Flughafenpolizisten tragen Rock. Ganz in weiß und in gezackter Ausführung. Die passenden Schlappen sorgen für einen gemächlich wiegenden Gang. Polizisten haben aber selbst hier keine Blüten hinterm Ohr. Die 5 Stunden bis zum Weiterflug auf die Insel Kadavu nutzen wir für ein ausgedehntes Frühstück und eine kleine Besichtigungstour des Städtchens Nadi. Während unsere Mit-Touristen in Busse verfrachtet werden, überlegen wir, was wohl die geeignete Strategie zur Auswahl eines verlässlichen Taxifahrers sein könnte. Die wittern nämlich alle den ganz großen Reibach und ziehen Ahnungslose Touristen gerne über den Tisch. Angesichts des schwachen Fidschi-Dollars entsteht kein großer Schaden. Aber es geht ja um die Touristen-Ehre.

Unser Taxifahrer bietet uns riesige Rundfahrten an und gibt klein bei, als wir darauf bestehen nach Nadi zum Frühstücken zu fahren. Er schlägt vor, uns später pünktlich wieder am Cafe abzuholen, falls wir die Rückfahrt sofort bezahlen. So doof sind wir dann auch wieder nicht! Man ist ja schließlich schon ein bisschen rumgekommen in der Welt. Abgezockt hat er uns trotzdem. Na ja, der „Schaden“ durch doppelten Preis für die Strecke betrug umgerechnet etwa 4 Euro… Für ihn trotzdem eine lohnende Sache – er verdient pro Woche nur etwa 50 €.

Das Frühstück verdient keine besondere Erwähnung. Das Zentrum der 11.000 Einwohner-Stadt ist recht übersichtlich. Auf der Hauptstraße reihen sich Souvenirgeschäfte, zum Teil in Kaufhausgröße an einander. Das Geschäft scheint fest in der Hand der Inder zu sein. Die Engländer haben einst Inder für die Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen ins Land geholt, heute machen sie immer noch knapp 40% der Bevölkerung aus. Das Verhältnis wird als gespannt beschrieben.

In einer Seitenstraße finden wir den lokalen Markt, Obst und Gemüse sowie Gewürze sind zu farbenfrohen Pyramiden geschichtet. Daneben werden jede Menge Wurzeln verkauft. Das Rohmaterial für ein Getränk namens Kava. In Fidji ist Kava ein zeremonielles Getränk, die Zeremonie taugt für fast jeden Anlass. Die dazugehörige Pflanze gehört zu den Pfeffergewächsen. Der deutsche Name „Rauschpfeffer“ klingt interessant und Wikipedia sagt: „Die Kavalactone (Kavain, Methysticin) aus Wurzeln und Rinde der Kava-Pflanze wirken anxiolytisch, mindern also Angst- und Spannungszustände. Auch hat Kava leichte analgetische (schmerzstillende) und antioxidante Wirkung. Der Genuss von Kava entspannt und mindert Unruhen; er führt zu leichter Euphorie und Gesprächigkeit. Kava löst Muskelverkrampfungen; Konsumenten fühlen sich in der Regel entspannt, wohl und klar denkend. Auf den Konsum schläft man in der Regel erholsam, und es gibt keine Nachwirkungen am Folgetag”. Da bin ich gespannt. Andreas ist allerdings nervös, wie sich die Droge auf mich als ohnehin schon gesprächigen Menschen auswirkt.

Am frühen Nachmittag klettern wir schließlich mit einer handvoll weiterer Gäste in eine Turboprop Maschine und fliegen weiter auf die dritt-größte Insel Fidschis: Kadavu.

Der Flughafen Kadavu zeigt sich aus der Luft als eine bedenklich kurze Landebahn.

Aber unsere beiden Piloten fliegen hier jeden Tag und haben das Manöver voll im Griff.  Das Flugzeug parkt quasi direkt neben der Ankunftshütte. Wir steigen aus und schon ist auch das Gepäck ausgeladen.

Da beginnt meine innere Stimme zu nölen: „Wir haben nicht mal eine Telefonnummer von unserem Ressort. Was ist, wenn uns jetzt niemand abholt?“

Doch bevor ich weiter den Teufel an die Wand malen kann, steht Tulallah vor uns und streckt uns mit einem breiten Grinsen die Hand entgegen: „Bulla!“ (Fidschi für: Hallo, Willkommen, oder was sonst gerade passt). Tullalah wuchtet lässig unseren Koffer über seinen Kopf und wir zockeln mit dem restlichen Gepäck hinterher zum Strand. Schuhe aus, Gepäck ins offene Boot verladen, eine ordentliche Schicht Sonnencreme ins Gesicht und schon tuckern wir im offenen Boot aus der Bucht. „In einer guten Stunde sind wir da“ verspricht der Captain. Und dreht den Motor auf. Mit Hochgeschwindigkeit schießen wir über die Wellen. Zwar liegt auf unserer Sitz-Planke vorsorglich ein Kissen, doch so, wie wir nach jeder größeren Wellen auf unsere Sitzgelegenheit geworfen werden, macht ein Polster keinen rechten Unterschied. Ich bin bestimmt 2 cm geschrumpft auf dieser sagenhaften Tour. Luis hat einen Riesenspaß und nimmt die großen Wellen in Surferhaltung im Stehen. Vom Wasser aus sehen wir dunkelgrüne Hügelketten, wiegende Palmen und weiße Sandstrände. Reiseprospekt Idylle, wäre da nicht das Dröhnen des Motors. Man versteht sein eigenes Wort kaum.

Als ich schon kaum noch sitzen kann taucht eine weit geschwungene Bucht auf. Tullalah deutet auf einen hellen Fleck im Grün: „Da vorne ist Waissalima!“ Die Bucht wird von einem Korallen Riff geschützt und Tullalah dreht den Motor runter, während er fast ohne hin zu schauen an den Untiefen vorbeimanövriert.

Am Ufer tauchen Palmblatthütten auf. Eine junge Frau in einem langen Bunten Gewand winkt. Das Boot rutscht sanft auf den Sand am Ufer. Anni führt uns einer überdachten Terrasse und bringt uns Tee und Kuchen. Dann liest sie uns sorgfältig die wichtigsten Hinweise für neue Gäste vor: „Frühstück um 8.00, Mittagessen um 1.00 und Abendessen um 7.00.“ Ein Holzklöppel, der an die Innenseite einer Kanu-förmigen Holzschale geschlagen wird fungiert als Gong.

Klingt doch alles recht vielversprechend. Anni führt uns zu einem Bure (Hütte) ganz am Ende des Strandes.Wir haben die Familienhütte gebucht: Ein großes Schlafzimmer, eigenes Bad (soviel Luxus darf sein) und ein winziger Nebenraum, in dem wir unser Gepäck unterbringen.

Tagsüber sind die Fensterläden hochgestellt und der Blick fällt durch die Palmen aufs Meer. Die Fenster sind mit Fliegengitter vor den Moskitos gesichert über den Betten hängen große zusammen geknotete Netze. Wind streicht durch die Hütte. Luis probiert sofort die Hängematte vor der Tür aus. Zwischen zwei Palmen können bei Bedarf zwei Leseratten gleichzeitig schaukeln. Ob die Kokosnüsse, die da über unseren Köpfen wachsen schon reif sind?

Wir packen ein bisschen aus und nehmen wie gute Touristen die Hütte durch Verteilung unserer Habseligkeiten in Besitz. Nach einem kleinen Strandspaziergang und ein bisschen Nichtstun wird es Abend. Die Sonne versinkt hinter unserem Rücken im Dschungel. Es wird Dunkel. Nach Einbruch der Dunkelheit haben wir Dank eines Sonnenkollektors Licht in der Hütte. Nicht immer in beiden Räumen gleichzeitig. Das Licht im Bad geht oft nur an wenn man die Energiesparlampe liebevoll mit der Hand umschließt (sprich: anwärmt).

Erst jetzt fällt uns auf, dass wir hier gar keine anderen Touristen gesehen haben. Doch da klopft von Ferne schon der Holzgong. Zeit zum Abendessen.

Nur ein Tisch im Restaurant ist für 5 Personen gedeckt. Mit uns ist ein amerikanisches Paar zu Gast. Wir lernen, dass Amerikaner gerne in Fidschi Urlaub machen, selbst dann, wenn sie in Hawaii leben.

In der Nacht begleitet mich das rauschen der Wellen durch alle meine Träume.

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Schnorcheln im größten Aquarium der Welt und das Auge der Gefahr Teil 3

Am Mittwoch kündigt sich schon beim Aufstehen ein wunderbarer Tag an. Kein Wind, wenig Wellen. Strahlender Sonnenschein. Perfektes Schnorchelwetter. Wir haben uns eines der kleineren Schiffe ausgesucht – die Calypso – schließlich wollen wir nicht, dass 50 Mann am Riff über Board springen und alle Fische in die Flucht jagen. Außerdem hieß das Boot von Jaques Cousteau auch Calypso, und der ist als einer der Helden meiner Kindheit schließlich verantwortlich für meine Begeisterung für die Unterwasserwelt. 25 bunt gemischte Schnorchelgäste gehen an Bord. Die ersten sind schon während der Ausfahrt aus dem Hafen Seekrank und liegen blass auf den Bänken an Deck und lassen sich durch einschlägige Medikamente wieder auf die Beine helfen. Andere greifen verschlafen nach einer Kaffeetasse.

Die Mannschaft erklärt die Sicherheitsmaßnahmen für den „unwahrscheinlichen Fall, dass etwas passiert“ und erklärt besonders eindringlich, dass nur der Kapitän die Evakuierung des Schiffes anordnen darf.

Dann werden Stinger Suits angemessen und probiert. Die dünnen Stoffanzüge sind irgendwie unvorteilhaft und figurbetont geschnitten. Nachdem wir allesamt so aussehen, als würden wir im Schlafanzug gleich mit Peter Pan nach Nimmerland fliegen macht das aber nichts. Ich schätze den Haien ist es egal, wie wir aussehen.

Nach einem ausführlichen Briefing – „Nichts anfassen – nicht auf Schildkröten reiten – nichts mitnehmen“ erreichen wir nach 90 Minuten den ersten Schnorchelpunkt am Außenriff des Great Barrier Reefs. Und jetzt müsste ich eigentlich stundenlang erzählen, dass man das Riff sogar vom Mond aus erkennen kann und überhaupt.

Tatsache ist, das Riff ist ein Wunderwerk der Natur. Ein gigantischer Farbenrausch. Tatsache ist auch, dass das Riff an vielen Stellen stirbt. Die Korallen bleichen – El Nino, der Klimawandel. Und Tatsache ist auch, dass Australien wahrscheinlich die einzige Nation der Welt ist, in der Klimaforscher beschimpft und bedroht werden. Es ist unfassbar was hier tagein tagaus zu diesem Thema von Politikern und Wirtschaftbossen behauptet wird. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Wir gleiten über breite Stufen ins glasklare Wasser und treffen eine Menge alte Bekannte wieder. Fahnenbarsche,

Annemonen Fische (quasi die Familie von Nemo aus dem Zeichentrickfilm), Süßlippen und ganz Schwärme von Jungfischen. An diesem Tag sehen wir große Zackenbarsche, Weihnachtsbaumwürmer (Christmas Tree Worms) und Korallen in beinah allen Farben und Formen.

Unsere drei Schnorchelexkursionen sind ein fest fürs Auge! Sagenhaft. Dabei bleiben uns die von vielen Touristen so gesuchten spektakuläre Begegnungen vorenthalten – kein Hai kreuzt unsern Weg. Aber wer braucht schon Haie im Aquarium. Ich habe vor lauter Begeisterung ganz vergessen nach den Stingers zu fragen.

Auf der Rückfahrt kommt sie übrigens dann doch noch – die Geschichte von einem spektakulären Unfall. Unser Guide erzählt recht plastisch von einer gefährlichen Begegnungen im Wasser:

Steve Irwin – bekannt geworden als „The crocodile Hunter“ ist in seiner gesamten Karriere unzähligen gefährlichen Tieren begegnet, hat sie gejagt und eingefangen. 2006 wurde ihm ein eigentlich nicht angriffslustiger Stachelrochen zum Verhängnis. Beim Schnorcheln am Great Barrier Reef (am sogenannten Batt Reef) in der Nähe von Port Douglas muss er einem Stachelrochen zu Nahe gekommen sein. Das Tier schlug mit dem Giftstachel bewehrten Schwanz zu und verletzte Irwin tödlich. Wahrscheinlich ist, dass der Schlag mit dem Stachel Irwins zentrale Blutgefäße verletzt hat. Angeblich soll er sich den Stachel selbst wieder herausgerissen haben, was möglicherweise die Verletzung verschlimmert hat. Eine Autopsie hat wohl nicht stattgefunden.

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Schnorcheln im größten Aquarium der Welt und das Auge der Gefahr – Teil 2

Ich beginne meine Risiko-Analyse am Sonntag Morgen bei unserer Hotel-Direktorin die mir versichert, Stingers draußen am Riff seien kein Problem: „die treiben sich am liebsten in Strandnähe herum“.  Das ist Teil der erstaunlichen Ambivalenz im Umgang mit der tödlichen Gefahr. Einerseits überall warnende Schilder und dann diese wirklich treuherzigen Bekundungen, dass just „hier“ oder gerade „jetzt“ überhaupt keine Gefahr bestünde. Und immer wieder die Äußerung, dass „die Gefahr grundsätzlich total überbewertet“ werde. Und die selben Leute erzählen einem dann beim nächsten Abendessen völlig ungerührt haarsträubende und stets „selbst miterlebte“ Geschichten von Menschen, die eben jenen Kreaturen zum Opfer gefallen sind.

Also blenden wir die Gruselgeschichten aus und buchen nach ausgiebigen Recherchen einen Schnorchel-Trip für Mittwoch.

Nach so viel Arbeit bummeln wir über den sonntäglichen Markt.  Queensland ist unter anderem auch der Bundesstaat der Aussteiger und Sinnsucher. Entsprechend vielfältig ist das Angebot der Stände. Tarot, chinesische oder thailändische Massage, Biogemüse oder Pflanzenkosmetik. Eingekochtes und Handgestricktes. Aber auch Billigschmuck von den Philippinen. Wir probieren Hot Dogs mit hausgemachtem Relish und lassen uns die Hände mit Lemon & Salt Scrub streichelweich schrubben. Jetzt eine frische Kokosnuss! Wir entdecken den Stand einer Familie, die aussieht wie die Idealbesetzung für eine Neuverfilmung von „die Schweizer Familie Robinson“. Die 3 Söhne so zwischen 4 und 14 und einheitlich strohblond und goldbraun gebrannt in zerschlissenen Shorts und verblichenen T-Shirts. Der Vater mit langem grauem Rauschebart steht mit nacktem Oberkörper auf einem Berg ungeschälter Kokosnüsse, die er mit einer Machete mit wenigen Schlägen von ihrer dicken grünen Schale befreit.

Die Söhne bohren mit Hilfe von Elektrobohren die Nüsse an, damit die Kunden zunächst mit einem Strohhalm das leicht süßliche „Coconutwater“ trinken können. Erst danach werden die Nüsse quasi am Äquator entlang aufgeschlagen und mit Löffeln den Kunden zu weiteren Verzehr gereicht. Das Kokosfleisch ist weich und lässt sich löffeln. Die Mutter mit ihren langen grauen Haaren überwacht den ganzen Betrieb und kassiert. Auf ausgehängten Fotos sehen wir, dass auf der Kokos Plantage alle Familienmitglieder mit anpacken müssen. Viel harte Arbeit und wenig Aussteiger-Romantik.

Zeit für unser erstes Dschungelabenteuer!

Montag früh brechen wir auf zur zum Mossman Gorge National Park, der in den Reiseführern gerne beschrieben wird als „netter, einfacher Einstieg in den tropischen Regenwald.“ Der Strand ist immer noch gesperrt und da verspricht die Mossman Gorge zusätzlich ein erfrischendes Bad im Fluss.

Der Regenwald ist immer wieder beeindruckend grün und undurchdringlich. Wir hören die Vögel, aber sehen sie nicht. Die Luftfeuchtigkeit legt sich drückend über uns und wir fühlen uns erinnert an die Luft im Palmenhaus des Münchner Botanischen Gartens. Der tropische Regenwald hier ist allerdings ein undurchdringliches Dickicht mit Schlingpflanzen, Lianen, Epiphyten („Aufsitzerpflanzen“), Würgefeigen, Palmen und riesigen Urwaldbäumen mit meterhohen Brettwurzeln. Die Pflanzen versuchen mit allen Tricks ans Licht in den Kronen der Bäume zu kommen. Nur noch ein Prozent des Lichts erreicht den Waldboden. Unser Spaziergang ist nur auf angelegten Pfaden möglich, zu viele wehrhafte Pflanzen versperren sonst den Weg:

Manche Pflanzen haben messerscharfe Blattränder, an denen man sich tiefe Schnittwunden holen kann. Andere halten einem mit ihren Widerhaken fest und wieder andere brennen so stark (stinging tree), dass man nach Berührung wochenlange starke Schmerzen hat. Ergänzt wird das Programm durch giftige Tiere auf dem Waldboden.

Je weiter wir auf dem Rundweg zwischen den Baumriesen vorankommen, desto heißer wird es. Ein Kein Lüftchen regt sich. Die Bäume scheinen hier tatsächlich in den Himmel zu wachsen. Luis und ich versuchen uns an die Namen der Bäume und Pflanzen zu erinnern. Mein persönlicher Favorit ist die Pflanze mit dem poetischen Namen „Wait a while“ – der Name kommt daher, dass man in der Regel eine „Weile warten“ muss, bevor sich das Opfer aus den Fängen der stacheligen Winden wieder befreit hat.

Wir sind beeindruckt von den zahlreichen Würgefeigen, den Killern unter den Bäumen. Sie wachsen zunächst im Kronenbereich der Urwaldriesen und arbeiten sich von dort am Baumstamm entlang hinunter bis zum Waldboden vor. Im Laufe der Zeit umklammert die Würgefeige den gesamten Baum wächst schließlich über ihn hinaus. Am Ende stirbt der Wirt im Würgegriff der Feige die schließlich allein wie ein riesiges Gerüst im Wald stehen bleibt.

Nach guten anderthalb Stunden Waldspaziergang weht angenehm kühle Luft vom Flüsschen herüber. Ähnlich wie in einer oberbayerischen Gebirgsklamm versprechen die Gumpen angenehme Abkühlung. Die ersten Touristen sind schon im Wasser. Schilder weisen auf die starke Strömung hin. Das Wasser ist überraschend kalt. Wir müssen uns schon ein wenig überwinden, um ganz unter zu tauchen. Was für ein Genuss! Wir planschen eine ganze Weile und bewundern ein paar ausgezeichnete Schwimmer, die quer durch die starke Strömung schwimmen. Ob es hier Krokodile gibt? Keine Ahnung. Es gab keine Warnschilder. Meine These lautet: Crocs jagen lieber in ruhigen Gewässern – aber ganz sicher bin ich mir da auch nicht.

Über den Fluss in die Wälder

Am Dienstag Morgen überqueren wir mit der Fähre den Daintree River. Diesmal wollen wir Oma Inge den Dschungel im Naturschutzgebiet zeigen.  Wir klettern im Daintree Discovery Center auf den Aussichtsturm und stehen hoch oben zwischen den Baumkronen, beobachten giftige Schlangen (hinter Glas) und bestaunen die Kampfkraft des Cassowary (im Video).

Luis besteht auf einem erneuten Besuch des nahegelegenen Insekten-Museums. Besonders beeindruckend: die ca 15-20 cm großen, quietsch-grünen bis türkisfarbenen Stabschrecken sitzen völlig unbeeindruckt direkt vor dem Museumseingang in einer großen Blattpflanze.

Am Cape Tribulation  – dort hat Captain Cook sein Schiff aufs Riff gesetzt – genießen wir eine Spaziergang am Strand und eine phantastische Aussicht über die Bucht. Die Badepause verschieben wir wegen der omnipräsenten Stinger auf später.

Nächster Stop: Mason’s General Store mit den besten Fish & Chips der ganzen Gegend und einem tadellosen Waterhole zum Entspannen nach der Mittagspause.

Ein kurzer Weg über die Wiese und wir erreichen einen schmalen Waldpfad. Vor das Vergnügen haben die Götter auch hier die Arbeit gesetzt. Über die Steile Uferböschung klettern wir zum Ufer des kleinen Flüsschens und über große Baumwurzeln ins Wasser. Luis ist sofort beeindruckt, wie sich ein paar Jugendliche aus 3 Meter Höhe ins Wasserloch stürzen. Mit Rückwärtssalto. Für’s Erste gibt sich unser Teenager jedoch mit dem Tarzan-Seil zufrieden.

So ähnlich muss Schwimmen im Paradies ausgesehen haben. Falls jemand Tarzan neu verfilmen will – ich stelle mich als Location Scout zur Verfügung.

Auf dem Rückweg machen wir noch schnell auf der Obstplantage halt und kaufen frisches Chocolate-Pudding- Fruit und Mango Eis.  Und Bananen. Sagenhaft ein ganzer Bund für 2 Dollar! Bei einem aktuellen Kilo-Preis von 16-18 Dollar in Melbourne ein echtes Schnäppchen.

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